Frauenschicksale

Wenn ich bei Frauentreffen, oder Seminaren in Deutschland die Frage stelle „Gibt es Momente, wo ihr euch klein gefühlt habt, oder hilflos, wo man euch nicht respektiert hat?“, dann erzählen Frauen in der Regel von Situationen auf der Arbeit, oder auch mal von Problemen mit dem Partner. Gelegentlich auch mal von Problemen aus der Kindheit. Ganz anders aber sind die Situationen hier in Afrika, wo ich diese Frage bei meinem ‚Train the Trainer‘ Seminar gestellt habe.

Da ist die junge Frau, gerade mal 30, gut gebildet und sehr dynamisch. Sie erzählt davon, daß sie als Kleinkind, noch keine zwei Jahre alt, von ihrer Mutter verlassen wurde. Sie war zunächst bei der Großmutter zurückgeblieben, die schaffte es aber nicht und reichte sie an einen Onkel weiter. In den kommenden Jahren wurde sie 3 mal weitergereicht und lebte schließlich bei einer Tante, die sich liebevoll um sie kümmerte und doch war sie nicht wirklich Teil der Familie. Der Mann tat alles für seine eigenen Kinder, kaufte ihnen Kleidung, Geschenke, Süßigkeiten, aber sie war immer außen vor. Selbst an Weihnachten bekam sie lediglich abgelegte Kleidung, nie etwas Neues. Ihr Glück war es, daß sie gut in der Schule war und somit eine Chance hatte voran zu kommen. Inzwischen hat sie eine gute Ausbildung und eine Job und möchte gerne weiter studieren. WOW!

Mama G., ca. 45 Jahre alt, erzählt davon, daß sie gut in der Schule war und gerne gelernt hat. Nach dem Sekundarabschluß bekam sie eine Zulassung ans Teachers College. Für sie ein Traum, denn sie wollte gerne Lehrerin werden. Als es aber darum ging die Schulgebühren zu bezahlen, beschloß ihr Vater sich lieber eine dritte Frau zu nehmen und somit war kein Geld mehr da, um die Tochter ans College zu schicken. Dieser verpassten Chance trauert sie bis heute nach.

Dann ist da die junge Frau, 28, zart gebaut und eher etwas schüchtern. Sie lebt noch zuhause mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Schwestern. Sie erzählt, daß ihre Eltern sich immer geprügelt haben. Seit sie klein war gab es zuhause nur Streit und körperliche Gewalt zwischen den Eltern. Sie ist die Älteste und hat jahrelang verzweifelt versucht zu vermitteln und ihre Schwestern zu schützen. Seit ein paar Monaten ist Frieden eingekehrt, sagt sie, denn der Vater starb.

Oder Mama M., Mitte 50, ihr Vater hatte 6 Frauen/Familien. Es gibt mehr als 20 Geschwister. Ihre Mutter war seine erste Frau. Mit jeder neuen Frau, kümmerte sich der Vater immer weniger um die anderen. Obwohl er alle seine Frauen in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander ansiedelte, haben die Kinder ihn kaum zu Gesicht bekommen und er hatte auch keine Ambitionen seine vielen Familien wirklich zu unterstützen. Glücklicherweise gab es Onkel, die sich darum kümmerten, daß die Kinder zur Schule gehen und eine Ausbildung bekommen konnten.

In der Gruppe von 15 Frauen gibt es nur eine, die aus einer gesunden Familie zu stammen scheint, alle anderen erzählen von schwierigen, zerrütteten Familienverhältnissen. Umso erstaunlicher wenn man sie heute erlebt, sieht, wie stark sie sind und was sie trotz aller Schwierigkeiten aus sich gemacht haben.

Gruppenarbeit im Seminar

Tokoloshi

Der Tokoloshi ist die afrikanische Entsprechung des Klabautermannes. Überall im südlichen Afrika hört man vom Tokoloshi, der ständig Ärger macht. 2001 war ich mit meinen Kindern in Swaziland. Christian hatte einen Swazi Freund mit Namen Paul. Allabendlich erzählte uns Paul neue Geschichten vom Tokoloshi.

„Wenn der Tokoloshi in deinem Traum kommt und dir was zu essen anbietet, dann darfst du das auf keinen Fall nehmen. Sonst bist du am nächsten Tag total krank.“

„Wenn der Tokoloshi sagt, du sollst das und das machen, dann will er dich nur in Schwierigkeiten bringen.“

Nun ja, selbst in Malawi gibt es den Tokoloshi, obwohl die meisten nicht wissen was das eigentlich ist. In Chitimba Camp fanden wir einen Lebensgroßen Tokoloshi in der Nähe der Bar. Ich habe eine kleine Version gekauft als Erinnerung an nette Abende in Swaziland.

Tokoloshi

Kinder in Dzaleka

Im Dzaleka Camp in der Nähe von Lilongwe sind ca. 45.000,- Flüchtlinge untergebracht. Gut 20.000 sind Kinder und Jugendliche. Die Herrnhuter Brüdergemeine hat im Camp einen Kindergarten und eine Grundschule aufgebaut. Hier können derzeit bis zu 800 Kinder betreut werden.

In zwei Klassenräumen werden 170 Kinder unterrichtet und es steht bereits ein weiteres Gebäude mit 4 neuen Klassenräumen. Offiziell wird es im Januar eröffnet werden. Da die Lehrer von der Regierung gestellt werden, bleibt abzuwarten wieviel Lehrer die Schule bekommen wird.

In den nächsten Wochen soll noch eine Außenküche und eine kleine Bücherei entstehen. Bisher kochen Frauen in einem kleinen, beengtem Unterstand Porridge für die Kinder, das reicht nicht mehr aus.

Als ich Dzaleka besuche werde ich sofort von Kindern umringt. Sie rufen „Mzungu“, das Swahili Wort für „Weiße“, und tanzen fröhlich um mich herum. Alle wollen mir die Hand geben und drängeln sich zu mir. Nur vereinzelt steht ein Kind abseits mit ernstem Gesicht, aber auch hier kann man ein Lächeln hervorlocken, wenn man sich zu ihm beugt und es beachtet.

Viele der Flüchtlinge kommen aus dem Kongo, aber auch aus anderen Problemregionen und gerade für Kinder kann die Flucht sehr belastend sein. Selbst wenn sie noch nicht wirklich verstehen, was um sie herum passiert, verlieren sie ihr zuhause und es werden lange Wege zurückgelegt, bis man wieder irgendwo ankommt.

Hier in der Schule und im Kindergarten erleben sie ein Stück Normalität und sie scheinen zufrieden und glücklich zu sein, auch wenn alles sehr einfach ist.

Ich hatte einen wundervollen Vormittag inmitten der Kinder und nehme die Erinnerung an ihre fröhlichen Gesichter und die kleinen Hände in meinen Händen und meinen Taschen mit mir.

Und täglich stirbt ein Huhn

Ich wohne in einem Komplex, der aus 4 Häusern besteht, die von eine hohen Mauer umgeben sind. Alles ist neu gebaut und so sieht es noch nach Baustelle aus, obwohl auch schon die ein oder andere Blume gepflanzt wurde. Seit ca. 3 Wochen sind in die noch freien Häuser Mieter eingezogen. Ca. 8 Männer, arabischer Herkunft, zwischen Anfang zwanzig und ca. sechzig Jahren alt. Sie treiben Handel mit Töpfen und Geschirr, nutzen die Häuser auch als Lager. Den ganzen Tag herrscht reges Treiben, Autos kommen, werden beladen, fahren wieder los. So ab 17 Uhr kehren alle heim und kurz darauf parken bis zu 7 Autos im relativ kleinen Hof.

Abends ist dann reger Verkehr zwischen den beiden Häusern, lautstarke Unterhaltungen prägen das Zusammensein. Es gibt eine junge Frau, die am Tage sauber macht, Wäsche wäscht und immer wieder das Tor aufmacht, wenn eins der Autos kommt. Kochen tun die Männer allerdings selbst. Am Abend wird hinterm Haus eine Feuerstelle angefacht und ein Rost aufgelegt. Kurz drauf hört man in der Regel ein Auto kommen und ein junger Mann steigt aus mit einem lebenden Huhn. Aha! Es gackert noch.

Kurz drauf ist das Huhn geschlachtet und liegt auf einer Pfanne überm Feuer. Kochen können sie, es riecht immer sehr lecker. Aber fast jeden Tag Huhn, darauf hätte ich keine Lust.

ein glückliches Huhn