Karibu Tanzania!

Es ist Halbzeit und ich hatte mir überlegt ein paar Tage Pause zu machen. Queenie und Juliana werden vom 2.10. – 6.10. in Tansania an einer Frauenkonferenz teilnehmen und so habe ich Zeit für andere Dinge. Da ich immer noch eine gültige Aufenthaltserlaubnis für Tansania habe, sie läuft Ende Oktober aus, bietet sich ein Abstecher in die alte Heimat an. Eigentlich wollte ich von Lilongwe nach Dar fliegen und ein paar Tage auf Zanzibar entspannen. Doch nun ist Melania hier und ich werde mit ihr gemeinsam zurückfahren.

Kaum gedacht und Bescheid gegeben, dass man ein Zimmer für mich organisieren soll, da kommen auch schon die Nachrichten, dass man mich sehen will. So treffe ich mich einen Vormittag in Tukuyu mit den Frauen der Nähgruppe und Isaya. Ich werde nicht nach Rungwe, da dort immer noch meine Hunde darauf warten, dass ich sie hole, was ich im nächsten Jahr machen werde, sollte ich für länger nach Malawi kommen.

Am Nachmittag fahre ich dann nach Mbeya, wo ich bei Freunden übernachten werden und von wo ich dann am nächsten Tag nach Dar fliege. Es wird interessant sein zurückzugehen und ich freue mich auf die Menschen.

Ich freue mich auch auf Zanzibar, meine Wellness Insel, und ein Wiedersehen mit Amiri, dem Taxifahrer, mit Amani, dem Maler und mit Nico, der bis vor ein paar Tagen noch in Umbrien unterwegs war, ein Künstleraustausch.

In Zanzibar erwarten mich dann Rahma und Hafidh, die für mich wie Familie sind. Ich freue mich.

Wieder vereint

Meine Jahre in Rungwe waren vorallem von der tiefen Freundschaft zwischen Melania Mrema und mir geprägt. Wir arbeiteten in der Frauenarbeit zusammen, gestalteten gemeinsam den Aufbau der HIV Arbeit und vieles mehr. Die Frauen nannten uns „die Zwillinge“, da wir fast überall gemeinsam auftauchten und mit einer Stimme sprachen. Melania nutzte dies um zu scherzen: „wir haben eine Mutter, aber zwei Väter und deshalb unterschiedliche Hautfarben.“

Claudia & Melania

Auch nach meinem Aufbruch von Rungwe waren wir über WhatsApp stetig im Kontakt. So erfuhr ich noch am selben Tag als es passierte, dass ihr Haus in Rungwe abgebrannt sei. Ein Schock, auch wenn niemand zu Schaden gekommen ist. Es ist alles verloren und nun muß sie ganz von vorne anfangen.

Schon in den Tagen vor dem Unglück hatte ich mit der Kirchenleitung in Malawi gesprochen und gebeten Melania nach Malawi bringen zu dürfen, damit sie uns hier beim Aufbau der Frauenarbeit sowie der Organisation der HIV/Aids Arbeit beraten und unterstützen kann. Jetzt war dies umso wichtiger, weil ich ihr ein paar Tage des Ausruhens und Abstand gewinnen ermöglichen wollte.

Am Sonntag den 8.9. fuhren Queenie und ich zur Grenze, um Melania abzuholen. Rev. Mwambeta, der Chairman in Rungwe, und seine Frau Lillian, die gemeinsam mit Melania im Bereich HIV arbeitet, hatten es sich nicht nehmen lassen sie persönlich an die Grenze zu bringen.

So kam es zu einem überraschenden, herzlichen Wiedersehen in Songwe. Alle freuten sich einander nach vielen Monaten wieder persönlich gegenüber zu stehen.

Seither war Melania bei mir in Mzuzu und wir genossen den Austausch und die Nähe. Sie ist eine große Unterstützung in der Planung der Aufgaben für die Frauenarbeit und den Bereich HIV, wie ich es vermutet hatte. Die Frauen hier sind dankbar für diese Rückenstärkung und es zeichnet sich ab, dass dies nicht das letzte Mal sein wird, wo man zusammenkommt. Dieser sogenannte Süd-Süd-Austausch ist super und wirklich wichtig.

Im Oktober wird es eine große Konferenz in Kiwira geben, wo Frauen aus ganz Tansania zusammenkommen. Es ist uns gelungen auch eine Einladung für Queenie und Juliana zu bekommen und so werden sie vom 2.10. – 6.10. an dieser Konferenz in Tansania teilnehmen können und sicher mit vielen Anregungen zurückkommen. Melania hatte Spaß an der Zusammenarbeit, sodass sie abschalten konnte. Sie hatte Zeit sich einfach auszuruhen, zu lesen, zu tun, was ihr Freude macht. Unter anderem haben wir zusammen gesessen und ihren Neuanfang geplant. Schön!

Gestrandet

Am Sonntag waren wir gegen Mittag von der Grenze zu Tansania aufgebrochen, zurück nach Mzuzu. Wir hatten beschlossen uns eine Nacht am See zu gönnen. In Chitimba Camp machten wir Halt, genossen den Nachmittag am Wasser. Da es sehr windig war, war der See extrem unruhig und schwimmen war nicht möglich. So saßen wir am Strand und später im Camp und freuten uns an der Ruhe und dem Rauschen.

Montag früh verließen wir das Camp nach dem Frühstück. Vor uns lagen ca. 130 km durch die Berge in Richtung Mzuzu. Wir kauften noch ein paar Liter Benzin auf dem Schwarzmarkt, da Queenie nicht sicher war, ob es reichen würde – Tankstellen sind hier sehr dünn gestreut – und machten uns auf den Weg. Wir kamen nicht weit. Nach gut 15 km, die wir in Serpentinen bergauf fuhren, machte das Auto Probleme. Es schien keine Kraft mehr zu haben. Ob das Benzin vielleicht verunreinigt war? Wir schafften es noch auf einen seitlichen Parkstreifen, wo ein paar Jungs Benzin verkauften, das wars.

Und nun? Mitten in den Bergen, weit von jeder größeren Ansiedlung. Wir riefen Jonah Sinyangwe an, der das Auto für mich besorgt hatte. Der wiederum rief den Besitzer an und organisierte, daß man uns ein Ersatzauto bringen würde, aus Karonga, ca. 150 km entfernt. Das würde dauern.

Glücklicherweise hatten wir gut gefrühstückt und ein paar kleine Flaschen Wasser im Auto, sowie eine kleine Packung Kekse und eine kleine Tüte Chips. Die Jungs versuchten immer wieder uns Benzin zu verkaufen, aber wir konnten ihnen schließlich klar machen, daß es nicht am Benzin lag. Also verlegten sie sich aufs Kartenspielen. Immer mal wieder sprangen sie auf, wenn ein Auto kam und winkten mit ihrem Benzin Kanister.

Der Verkehr ist hier eher spärlich. Nur gelegentlich kommt ein Auto oder auch mal ein Kleinbus und auch mal ein Bus vorbei in die ein oder andere Richtung. Auch zu Fuß kommen Menschen, mehr oder weniger schwer beladen, vorbei.

Es dauert gut 3 ½ Stunden bis die Hilfe eintrifft. Der Besitzer ist mit einem Mechaniker gekommen, der ein Problem mit der Benzinpumpe diagnostiziert, die ausgetauscht werden muß. Ist uns egal. Wir sind froh, daß wir wieder aufbrechen können. Wir laden um und machen uns auf den Weg nach Mzuzu. Dort kommen wir gegen 15:30 Uhr am Nachmittag an und gehen erst einmal essen.

Was für ein Tag!

Wir eröffnen ein Konto

Seit der letzten Synode gibt es, zumindest auf dem Papier ein Büro für Gesundheit und HIV/Aids. Alles ist noch im Aufbau, es gibt noch keine wirkliches Büro und um Unterstützung von Außen empfangen zu können benötigen wir ein Konto. Da auch die Frauenarbeit bisher kein eigenes Konto hat, und somit alles über das allgemeine Kirchenkonto abgewickelt wird, soll es ein gemeinsames Konto HIV & Frauenarbeit geben.

Es gab ein paar Diskussionen über die Zugangsberechtigung. Zunächst wollte die Kirchenleitung, neben den beiden Coordinatorinnen mit 2 Personen Unterschrift Berechtigung haben. Da immer zwei Unterschriften nötig sind, um Geld abzuheben, würde dies jedoch der Kirchenleitung ermöglichen auch ohne Wissen der zuständigen Frauen auf das Konto zuzugreifen. Leider gab es in der Vergangenheit in anderen Regionen deswegen Schwierigkeiten, denn es ist auf Grund des Machtgefüges, welches nach wie vor Männer stark bevorteilt, nicht einfach für die Frauen sich einem Mißbrauch zu widersetzen. Daher war es wichtig neben den Beiden Coordinatorinnen nur einen Berechtigten der Kirchenleitung zu erlauben.

Nach dem dies entschieden war, konnte es also losgehen. Bewaffnet mit einem Schreiben der Kirche an die Bank, einer Kopie der Registrierung der Kirche, einem Protokoll einer Sitzung in der die Eröffnung des Kontos beschlossen worden war, machten sich das Team, bestehend aus den zwei Coordinatorinnen und dem General Sekretär der Kirche auf den Weg zur Bank. Das war an einem Montag.

Gegen Abend kamen sie dann zurück, ohne ein Konto eröffnet zu haben, da die Bank weitere Unterlagen forderte. Also Dienstag morgen noch einmal von vorne. Aber auch an diesem Abend und erneut einem ganzen Tag in der Bank, war die Kontoeröffnung immer noch nicht abgeschlossen. Ein Schreiben mußte umformuliert werden, die Verfassung der Kirche war benötigt, diese hatte man im Laufe des Tages von Karonga angefordert. Aber nun sollte es am nächsten Tag klappen.

Mittwoch Morgen geht es also erneut los zur Bank. Diesmal alles dabei, was den Bankleuten noch so eingefallen war, wie zum Beispiel die letzte Wasserrechnung der Kirche. Hä?

Donnerstag Morgen ist es geschafft. Alle Unterlagen liegen vor und endlich bekommen wir eine Kontonummer. Hurra!

Ich brauche eine Quittung

„Ich brauche eine Quittung.“

„Warum?“

„Damit ich zeigen kann, wofür ich das Geld ausgegeben habe.“

„Warum?“

„Weil die Menschen, die mir dieses Geld gegeben haben, wissen wollen,
was ich damit mache.“

„Warum, vertrauen Sie dir nicht?“


Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – geht mir durch den Kopf. Ok.

Irgendwie fehlen mir die Worte.

In Afrika arbeite ich oft mit Menschen, die zum Teil sehr wenig Bildung haben. Wenn ich von ihnen etwas erwerbe, oder offiziell eine Dienstleistung gegen Bezahlung in Anspruch nehme benötige ich einen Beleg, denn das Geld mit dem ich bezahle ist nicht meins. Wenn es aber gar nicht üblich ist eine Quittung zu schreiben – vielleicht kann die Person, mit der ich es zu tun habe ja auch gar nicht schreiben – dann wird es schwierig.

Die Menschen, die mir Geld gegeben haben, damit ich hier Projekte anstoßen, Hilfe leisten, Trainings veranstalten kann und mehr, wollen natürlich sicher sein, daß ihr Geld gut und richtig ausgegeben und angelegt wird. Da gibt es Budgets, die vorbereitet und eingehalten werden müssen. Berichte müssen verfasst werden, Belege gesammelt. Eben.

Ich glaube schon, daß man mir vertraut, denn sonst hätte man mich gar nicht erst eingestellt und mir ein Budget gegeben, aber alles muß seine Richtigkeit haben.

Was Quittungen angeht treffen hier, im wahrsten Sinne des Wortes, Welten aufeinander.

Zeitabläufe

Zeitmanagement – auch so ein Thema. Wie heißt es bei einigen afrikanischen Stämmen: „Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit“ oder wie ich erst letztens gelesen habe: „egal wie teuer oder wie wertvoll deine Uhr ist, mehr Zeit hast du trotzdem nicht“.

Obwohl ich nun schon über 30 Jahre Erfahrungen im afrikanischen Raum mache, bin ich immer noch so geprägt, daß ich versuche mich an Pläne und Zeitabläufe zu halten und mir meine Arbeit entsprechend effizient einzuteilen. Eben doch irgendwie deutsch, auch wenn ich mich in Afrika mehr zuhause fühle.

Und ich bin gelegentlich auch ungeduldig, obwohl ich über die Jahre wesentlich gelassener geworden bin. Was nicht geht, geht eben nicht und es gibt immer noch einen Plan B. Der sieht dann schon mal so aus, daß ich Socken stricke, da mal wieder alle aus den Büros verschwunden sind zu einer Beerdigung, oder wenn ich länger irgendwo warten muß. Ebenso lernt man zu improvisieren und nutzt seine Zeit anders. Es kann dann sein, daß man morgens sehr früh, so gegen 6 Uhr, unterwegs ist um jemanden abzufangen, mit dem man etwas zu besprechen hat, oder noch abends spät, also nach 21 Uhr, plötzlich jemand auftaucht, weil er dringend etwas mitteilen muß, oder Hilfe benötigt, bei was auch immer.

Eigentlich ist es doch egal, wenn unterm Strich die Arbeit getan wird, wenn es vorangeht, etwas langsamer vielleicht, aber stetig.

Ich erlebe es immer wieder, wenn ich in Deutschland bin, wie sehr Menschen unter Stress stehen, auch unter Freizeitstress, da ständig etwas erledigt werden muß. Alltag ist hektisch und anstrengend. Kein Wunder also wenn soviele junge Menschen diesen Belastungen nicht mehr gewachsen scheinen und es zu burn-out führt.

Die Arbeit in Afrika ist oft schwierig und anstrengend, bedingt durch andere Dinge, aber bisher kenne ich niemanden, der einen burn-out hätte.

Zwei Seiten der Medaille

Alles hat zwei Seiten, eine eher positive und eine schwierige oder negative Seite. Manchmal ist es schwer abzuwegen, was nun wichtiger ist.

 

Auf der einen Seite freue ich mich immer wieder wenn ich in Afrika bin, über die hohe Anteilnahme und die Intensität des zwischenmenschlichen Miteinanders. Man ist verbunden durch gemeinsame Aktivitäten, Glauben, Geschlecht und natürlich auch über Familienbande.

 

Familienbande können eine große Belastung darstellen, wenn sie dazu führen, daß ein erfolgreiches Familienmitglied von anderen in der Familie ausgenutzt wird, was leider immer wieder vorkommt. Aber auch hilfreich sein, wenn man Unterstützung benötigt.

 

Wo es immer wieder deutlich wird ist bei Anlässen wie Beerdigungen, wo alle zusammenkommen. Hier greift dann auch die Nachbarschaftshilfe, denn die Nachbarinnen kochen und versorgen die Trauergäste und entlasten die Trauernden so gut es möglich ist.

 

Ebenso bei Geburten. Die werdende Mutter ist nicht alleine. Die eigene Mutter, Tanten, ältere Frauen sind an ihrer Seite und begleiten sie durch die Geburt und helfen in den ersten Tagen, wo immer es nötig ist.

 

So wurde Queenie am Sonntag während des Gottesdienstes angerufen, daß ihre älteste Tochter zur Entbindung in die Klinik gegangen sei. Sie brach sofort auf, um an ihrer Seite zu sein, begleitet von einer weiteren Frau der Gemeinde. Nur wenige Stunden später kam die Meldung: „Ich habe eine neue kleine Enkelin“. Auch an den nächsten drei Tagen fuhr sie jeden Tag zu ihrer Tochter, um zu helfen und nach den beiden zu sehen.

 

Dies ist schön. Ich liebe den Zusammenhalt der Frauen, die gegenseitige Hilfe, die selbstverständlich ist. Doch auch dies hat eine negative Seite. Denn, wenn man zur Hilfe eilt, ob Geburt, Beerdigung, oder anderes, verläßt man seine Arbeit und was immer für den Tag geplant war bleibt liegen. Somit erschwert dieses Verhalten berufliche Abläufe und kann sehr störend werden, wenn, so erlebt, ganze Wochen ausfallen, weil ständig eine soziale Verpflichtung dazwischen kommt. Aber wie soll man dies lösen?

 

Ich stelle mir vor wie es wäre, wenn ich in Deutschland meinen Arbeitsplatz verlassen würde, um zu meiner Tochter in die Klinik zu eilen, damit ich bei der Entbindung dabei sein kann. Natürlich kann man dies nur bedingt vergleichen, denn ich kann davon ausgehen, daß meine Tochter in der Entbindungsklinik gut betreut sein wird. Dies ist hier nicht sicher, denn oft sind die jungen Frauen allein gelassen und so ist Unterstützung von familärer Seite wichtig. Auch die Mahlzeiten, werden von außen gebracht, wiederum ist da die Familie oder Freunde gefragt. Ein möglicher Kompromiss könnte jedoch so aussehen, daß man sich die Betreuungsarbeit teilt und so zumindest Alltagsabläufe weniger gestört wären.